Für Dich bewegen wir uns
Blick aus dem Führerstand während einer Streckendokumentation
Betrieb & Technik

Licht aus, Spot an – die digitale Streckenkunde

Rund 150 Triebfahrzeugführer*innen bildet die S-Bahn München jährlich aus. Damit sie alle Strecken und Streckenabschnitte wie aus dem Effeff beherrschen, müssen sie nach erfolgreichem Abschluss der Ausbildung noch eine Weile in Begleitung eines anderen Triebfahrzeugführers fahren – zur Streckenkunde. Jede Strecke müssen sie mindestens dreimal bei Tag und einmal bei Nacht selbst abfahren, damit nicht nur die Route, sondern jedes Signal, jede Weiche und jeder Bahnübergang verinnerlicht wird. Irgendwie logisch, mit dem Auto oder Radl fühlen wir uns ja auch ortskundiger, wenn wir die Strecke schon einmal abgefahren sind. Damit unsere Lokführende auch nach ihren Streckenkunde-Fahrten nochmal nachschauen können, wurden vor kurzem alle Strecken abgefilmt und digital aufbereitet – für eine Art digitalen Atlas aller Strecken. Wir haben die Filmfahrten für euch begleitet.

Es werde Licht

Wir stehen am Ostbahnhof und warten auf die S-Bahn. Dieses Mal nicht auf irgendeine S-Bahn, sondern auf die Filmfahrt. Wir blicken Richtung Steinhausen und schon sehen wir ihn, den speziell präparierten Zug mit Kamera- und Lichtequipment ganz vorne an der Nase. Das sieht ja aufregend aus! Und tatsächlich erntet unser Filmzug viele neugierige Blicke. Für die Aufnahmen im Stammstreckentunnel brauchen wir nämlich helle Scheinwerfer. Denn dort unten ist es sonst stockfinster und Filmaufnahmen wären ohne weiteres überhaupt nicht möglich. Also Spot an und los! So hell ausgeleuchtet hat wahrscheinlich selbst ein Triebfahrzeugführer unseren Stammstreckentunnel noch nie gesehen. Spannend ist das schon, wenngleich es auch nicht viel zu entdecken gibt. Es ist eben eine Tunnelröhre. An diesem Tag fahren wir noch dreimal durch den Tunnel. Immer ganz langsam und ohne Halt an den Bahnhöfen – sehr zur Verwunderung der wartenden Fahrgäste, aber mitnehmen können wir auf dieser Fahrt eben niemand anderen. Die Stammstrecke ist also schonmal im Kasten.

Eine S-Bahn im Hauptbahnhof

Der Tag wird aber noch spannender. Unsere Partner von der Firma Bahn Konzept, die die Filmaufnahmen herstellen, haben sich im Vorfeld eine lange Zeit mit dem Streckennetz der S-Bahn München beschäftigt und jedes mögliche Streckensegment festgehalten, welches abgefilmt werden muss. Insgesamt wurde ungefähr eine Woche lang jeden Tag gedreht und es entstanden in etwa 100 filmische Segmente aus gut 60 Stunden Rohmaterial. Dazu zählen dann auch Streckensegmente, die nur im Störfall oder während Bauarbeiten angefahren werden: ein Abstecher in die Wende im Rangierbahnhof Milbertshofen oder, schwups, über den sogenannten Südring und die schöne Isarbrücke. Alles Strecken, die nicht alltäglich von der S-Bahn befahren werden. So war es auch keine Fata Morgana, als die Film-S-Bahn in die Gleishalle am Hauptbahnhof eingefahren ist. Also nicht in den unterirdischen Bahnhof, sondern wirklich oben, neben all den ICEs und Regio-Zügen. Ein sehr spezieller Moment, auch für den Lokführer.

Und Action – Kamera läuft!

Speziell sind auch die Anforderungen, die das Projekt mit sich gebracht hat. Da größtenteils tagsüber gefilmt wurde, mussten die Filmfahrten optimal zwischen die reguläre Taktung eingeplant werden. Zum Glück sind die Jungs von der Agentur schon seit 15 Jahren in diesem besonderen Filmbusiness unterwegs und kennen sich mit der Erstellung von Spezialfahrplänen aus, und wissen, mit wem man die dann absprechen muss. Angefangen haben die beiden damals übrigens noch mit dem Filmen auf Magnetbändern. Das kennt heute ja kaum mehr einer. Heute brauchen die beiden nur noch drei Action-Kameras und die Spezialbefestigung für den Zug. Drei Stunden brauchten sie dennoch für die Befestigung und die richtige Ausrichtung der Kameras und des Lichts. Im Nachgang wird das Material in der richtigen Reihenfolge zusammengeschnitten und dann auf einem eigens dafür vorgesehenen Portal für die Lokführer*innen hochgeladen. Hier kann jeder bzw. jede Triebfahrzeugführer*in dann in Ruhe nochmals alle Strecken anschauen. Die Signale oder Besonderheiten an der Strecke werden zusätzlich eingeblendet. Auch Vor- und Zurückspulen kann man, um sich zum Beispiel ganz intensiv mit einem spezifischen Abschnitt zu beschäftigen. Eine optimale Unterstützung also für alle unsere Triebfahrzeugführenden in Ergänzung zur Live-Streckenkunde.