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Hinter den Kulissen

Bei der Arbeit mit Schlosserin Anja – eine Anleitung zum Glücklichsein

Vom anderen Ende des Bahngleises winkt uns eine blonde Frau im Blaumann zu und ruft mit kräftiger Stimme „Hallooo, ich komm!“ Schnellen Schrittes geht sie auf uns zu. Ihr breites Strahlen im Gesicht ist selbst von weitem zu erkennen. Schon steht die 48-Jährige lachend vor uns: „Ich bin Anja.“ Wir treffen sie an ihrem Arbeitsplatz, dem S-Bahn Werk Steinhausen. Ihre sprudelnde Heiterkeit nimmt uns sofort so ein, dass wir die Werkstattgeräusche im Hintergrund kaum noch wahrnehmen. Anja ist bereits seit 30 Jahren Schlosserin bei der S-Bahn München. Uns hat sie verraten, wie ihr Arbeitsalltag aussieht und vor allem, wie sie das Kunststück vollbringt, auch nach so langer Zeit noch vor Elan und Begeisterung für ihren Job nur so zu strotzen.

Glücksformel: nette Kollegen + Zuhause-Gefühl

„Ein Bürojob? Das wäre niemals was für mich gewesen!“ Dass aus Anjas Gesicht tatsächlich das Lächeln weichen kann und sie ganz ernst wird, beobachten wir in jenem Moment mit eigenen Augen. „Nein! Ich will in Bewegung sein und abends sehen, was ich geschafft habe.“ Dann sprudelt es aus der im Harz Geborenen schon wieder begeistert heraus: „Hier ist jeder Tag anders. Wir arbeiten meist in Zweierteams mit wechselnden Kollegen.“ Und hier sind wir schon bei einer der Erklärungen für ihre muntere Laune: „Die Kollegen sind echt immer freundlich, hilfsbereit und entspannt. Mit denen kann man einfach reden – und das auch bereichsübergreifend.“ Und während sie das so sagt, ruft es von weitem „Hallo Anja!“ Ein großer Mann im Anzug kommt auf sie zugelaufen – Es ist Erich Brzosa, Mitglied der Geschäftsleitung der S-Bahn München. Er hat auch einen Termin im Werk und hält dann, wie immer, einen kleinen Plausch mit den Mitarbeitern.

Die Mutti im Werk

Und tatsächlich könnte man meinen, dass Anja ein kleiner Star auf dem Werksgelände ist: Alle paar Meter wird sie von Kollegen angesprochen oder gegrüßt. Anja bezeichnet sich nicht als Star. Sie sagt lieber: „Ich bin die Mutti hier.“ Aber wie so oft ist das ja irgendwie dasselbe. Mit ihren Kollegen ist sie für die Instandhaltung der S-Bahnen zuständig. „Da bin ich ein Allrounder und das ist auch das Schöne daran. Dadurch habe ich jeden Tag andere Aufgaben.“ Zum Schichtbeginn gibt es täglich eine neue Herausforderung und die bearbeitet Anja dann im Zweierteam. Bei S-Bahnen gibt es viel zu warten: So müssen Sitzpolster oder Deckenverkleidung getauscht, Ultraschallprüfungen der Radsätze durchgeführt oder Bremsbeläge geprüft werden. Kurz: Zu Schrauben oder zu Prüfen gibt es immer was. Welche Anjas Lieblingsaufgabe ist? Allein bei der Vorstellung huscht ihr ein kleines Lächeln übers Gesicht: „Die Radsatzbearbeitung. Es kann vorkommen, dass sich das Rad unrund abnutzt, das macht dann auch oft so ein typisches Klackergeräusch während der Fahrt. Schlimm ist das nicht, aber auch nicht optimal. Da sorg ich an der Unterflurdrehmaschine dafür, dass die Räder wieder ganz rund und schön leise laufen."

Anja nimmt euch auf diesem Video mit in ihr Reich.

Anpacken, auch wenn’s dreckig wird

Welche Eigenschaften benötigt man denn, um als Schlosserin oder Schlosser glücklich und gut im Job zu werden, wollen wir von Anja wissen. „Man muss teamfähig sein und Spaß daran haben, Dinge anzupacken.“ Anja schaut lächelnd auf die Ölschmieren auf ihrem T-Shirt und schiebt hinterher: „Angst vor Dreck darf man natürlich auch nicht haben.“ Und weil so eine S-Bahn ein komplexes technisches System ist, sei natürlich auch das Interesse dafür und viel Geduld nötig, sagt Anja. Erst dann lerne man den Zug wirklich kennen und kann die Technik dahinter verstehen. „Schließlich tragen wir als Schlosser viel Verantwortung mit unseren Reparaturen.“ Stolz schwingt in Anjas Stimme mit. „Aber genau das ist ja auch das Schöne am Job. Ich sorge dafür, dass die Fahrgäste eine gute und sichere Fahrt haben.“

Im Herzen Schlosserin – auch nach Dienstschluss

Auch nach Dienstschluss bleibt Anja in ihrem Herzen Schlosserin „Wenn ich in meiner Freizeit in eine S-Bahn einsteige, dann prüf ich automatisch erstmal, ob alles okay ist. Wenn ich irgendetwas sehe, wie eine kaputte Tür, dann möchte ich das am liebsten sofort reparieren.“ Auch wenn Anja erzählt, wie fasziniert ihre zwei Söhne von ihrem Job sind, dann entsteht der Eindruck, Schlosser und Superhelden machen ziemlich ähnliche Dinge: „Meine Jungs fragen immer, wenn ich nach Hause komme, was ich heute wieder repariert habe, und dann erzähle ich das lang und breit beim Essen“, erzählt sie. „Und wenn ich ihnen dann noch erzählen kann, dass ich meine Aufgabe, die ich morgens angefangen habe, auch noch selbst zu Ende bringen konnte, dann bin ich überglücklich.“ Und schon erscheint wieder dieses breite Strahlen im Gesicht. Kaum vorstellbar, dass Anja irgendwann einmal nicht mit ihrem Job und sich im Reinen ist. Trotz oder vielleicht gerade wegen des schmutzigen Blaumanns.