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Gewappnet für den Ernstfall – Schulung der Freiwilligen Feuerwehren

Samstagmorgen, 8:45 Uhr, im Werk Steinhausen. Während wir uns noch den Schlaf aus den Augen reiben, stehen zwölf Feuerwehrmänner und -frauen in voller Montur vor uns. Es ist ein besonderer Tag, denn heute werden die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren aus dem Landkreis München geschult. Mit Übungen zu unterschiedlichen S-Bahn Notfällen sollen die Feuerwehrler für den Ernstfall gewappnet werden. Denn vor Ort müssen Feuerwehr und S-Bahn Notfallmanager Hand in Hand arbeiten.

Die wichtigsten Fakten

Am Rande der Abstellgleisanlage im Werk Steinhausen stehen sie aufgereiht: Je ein bis zwei Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr aus Neubiberg, Ottobrunn, Pullach, Haar, Taufkirchen, Grünwald und Unterhaching. Daneben unser S-Bahn Notfallmanager Werner, der die Schnittstelle zwischen der S-Bahn und den Feuerwehren ist und Stephan, der die Schulung organisiert hat. Normalerweise findet die jährliche Schulung im Mai und mit mehr Mitgliedern statt, wegen der Corona-Auflagen musste die Anzahl jedoch reduziert werden und es gibt natürlich einige Hygienevorschriften. Auch für die Praxis gilt: Safety first. Bevor es mit den praktischen Übungen losgeht, gibt Kreisbrandinspektor Erwin die wichtigsten S-Bahn Fakten durch, denn bei Bahneinsätzen ist viel zusätzliches Know-how nötig: Ein Zugteil wiegt rund 105 Tonnen, vollbesetzt, beispielsweise zu Wiesn-Zeiten, noch einiges mehr. Dieses Wissen ist wichtig, wenn es um das Anheben eines Zuges geht. Bis zu 500 Personen könnten in einer S-Bahn Platz finden, was wichtig zu wissen ist, sollte eine Evakuierung notwendig sein. Besondere Gefahr geht von der Oberleitung aus, denn durch die jagen 15.000 Volt: Abstandhalten ist also oberstes Gebot. Und hättet ihr gewusst, dass eine S-Bahn bei voller Fahrt und trockenen Schienen mit ihren 120 bis 140 km/h einen Bremsweg von 700 bis 800 Metern hat?

Begehungen in und um die S-Bahn

Nachdem Erwin die wichtigsten Fakten erklärt hat, geht es an die Begutachtung der Züge. Dafür werden die zwölf Feuerwehrleute in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe begibt sich ins Wageninnere und in den Führerstand, die andere begutachtet die S-Bahn zuerst von außen. Die Gruppen erfahren, wie man im Notfall Zugang ins Innere der Bahn bekommt, welche Kennzeichnungen, Hebel und Anzeigen außen am Zug zu finden sind und wie der S-Bahn-Korpus aufgebaut ist.

Vereintes Wissen aus beiden Fachgebieten

S-Bahn Kollege Stephan, der 2003 seine Ausbildung bei der S-Bahn begonnen hat und mittlerweile als Fachreferent für Produktions- und Umlaufplanung tätig ist, gibt derweil die Schulung im Führerstand. Er hat nicht nur ein großes S-Bahn Know-how, sondern ist auch seit 2001 bei der Freiwilligen Feuerwehr, für die er schon einige Führungslehrgänge an den Staatlichen Feuerwehrschulen in Bayern besucht hat. Er ist, übrigens wie alle anderen Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehren, ehrenamtlich tätig. Stephan engagiert sich bei der Freiwilligen Feuerwehr Pullach und vereint somit das Wissen aus beiden Fachgebieten. Mit großer Leidenschaft erklärt er seinen Feuerwehr-Kolleg*innen, welche Knöpfe und Schalter für sie im Einsatz relevant sind. Und dann geht der Kindheitstraum so einiger Feuerwehrleute in Erfüllung: Sie dürfen auf dem Führerstandsitz Platz nehmen. Strahlende Gesichter im Führerstand.

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„Wir machen das freiwillig, ehrenamtlich und aus Überzeugung für unsere Gesellschaft.“
Stephan, S-Bahn Kollege und Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr 

Wie zwölf Personen eine S-Bahn heben

Wir wünschen es uns nie, aber es kann passieren, dass Gegenstände oder Personen unter die S-Bahn gelangen. In diesen absoluten Notfallsituationen ist schnelles und organisiertes Handeln gefragt. Für diese Übung hat Ausbildungsleiter Erwin eine 50 kg schwere Übungspuppe unter der S-Bahn platziert. Nun sind die Feuerwehrleute gefragt: Wie können sie so sicher und schnell wie möglich die Puppe retten? Die erste Gruppe spielt das Szenario an der Spitze der S-Bahn durch, Gruppe zwei muss von der Seite anrücken. Sicherheit geht vor, deshalb werden erst einmal große Holzkeile an den Rädern der S-Bahn platziert, sodass diese gegen unbeabsichtigtes Wegrollen gesichert ist. Dann kommen die blauen hydraulischen Hebewerkzeuge, die sogenannten Büffelheber, zum Einsatz. Damit Gruppe eins die S-Bahn von vorne anheben kann, müssen beide Heber parallel betätigt werden. Um sicherzustellen, dass dies auch gleichmäßig geschieht, behält Feuerwehrfrau Doris alles im Blick und gibt Kommandos. Langsam hebt sich die S-Bahn um einige, wichtige Zentimeter.

Mehr als nur Luft

Gruppe zwei übt das gleiche Szenario seitlich an einem Fahrgestell. In diesem Szenario benutzen die Feuerwehrleute Holzbretter, Holzkeile und Hebekissen. Zusammen mit Klötzen, die wie Legosteine aussehen, werden die Hebekissen zwischen die Holzbretter gelegt und an die Druckluft angeschlossen. Vorsichtig betätigt einer der Feuerwehrleute deren Hebel am Bedienteil und pumpt behutsam Luft in die Kissen. Immer im Blick: die Druckluftanzeige, um nicht über die maximale Bar-Zahl zu kommen. Einige Zentimeter können sie so den schweren Wagen anheben, doch diese reichen oft schon aus, um zu einer verletzten Person zu gelangen. Unsere Bewunderung für die Freiwillige Feuerwehr steigt mit jeder Sekunde. Dann krabbeln zwei Einsatzkräfte unter die S-Bahn. Von beiden Seiten reichen zwei weitere Feuerwehrleute die Einzelteile einer Schaufeltrage. Diese können seitlich unter die Puppe geschoben und dann wieder zu einer Trage verbunden werden. Kaum ist sie zusammengesteckt, helfen alle mit, die Puppe auf der Trage vorsichtig unter dem Zug hervorzuziehen. Geschafft!

Drunter und drüber

Als nächstes steht die Begutachtung der Züge von unten und oben auf dem Programm. Dafür schnappt sich jede*r erst mal einen Helm – denn sowohl bei uns im Werk Steinhausen als auch bei der Feuerwehr gilt: Sicherheit geht vor. Dann begleiten wir S-Bahn Notfallmanager Werner und Organisator Stephan ins Werk. Die Oberleitung über einer S-Bahn wurde dafür abgeschaltet und so können wir die Bahn auch sicher von oben begutachten, sonst wäre das lebensgefährlich! Dafür steigen wir die Treppe nach oben zur Arbeitsplattform. Von hier können wir das S-Bahn Dach betrachten, während Werner erklärt, wo und wie die 15.000 Volt von der Oberleitung in den Trafo der S-Bahn gelangen. Dann geht es unter die S-Bahn. Wir steigen in die Arbeitsgrube, die sonst von den Handwerker*innen genutzt wird und können so etwas gebückt unter der S-Bahn entlanglaufen. Verrücktes Gefühl und spannend, so einen großen Zug mal von unten zu betrachten. Ein bisschen fühlen wir uns wie Höhlenforscher.

Erden für die Profis

Zu guter Letzt erklärt Werner, wie die Erdung der Oberleitung funktioniert. Dies ist immens wichtig, damit die Helfer bei Einsätzen nicht selbst gefährdet werden und erkennen können, ob diese auch ordnungsgemäß ausgeführt wurde. Bei der hohen Volt-Zahl heißt es auch hier: erstmal Abstand wahren. Nur der S-Bahn Notdienst oder Feuerwehrleute, die eine spezielle Zusatzschulung zum Thema „Bahn erden“ bekommen haben, dürfen sich um die Sicherung der Leitung kümmern. Zuerst wird der oder die Fahrdienstleiter*in der Strecke kontaktiert, welcher diese von der Stromzufuhr trennen kann. Erst wenn die Freigabe erteilt wurde und die Strecke stromlos ist, wird mit einer sehr langen Stange, dem sogenannten Spannungsprüfgerät, gemessen, ob noch (Rest-)Strom auf der Leitung ist. Ist alles ok, kann mit der Erdung begonnen werden. Der Spezialist verbindet das Erdungskabel mit der Schiene, danach wird die Erdungsklammer in die Oberleitung eingehängt und gesichert. So wird der Strom im Notfall abgeleitet – Der S-Bahn-Zug ist nun sicher und die Helfer können ihrer Arbeit nachgehen.

Nach diesem lehrreichen Tag können wir also absolut darauf vertrauen: Sollte jemals etwas passieren, sind wir bei der Feuerwehr, im Zusammenspiel mit dem Notfallmanager der S-Bahn, in professionellen und sicheren Händen.